Abitur verschoben, WM-Gold gewonnen

Katharina Schmid und Johannes Rydzek beenden ihre Karrieren. Die Spitzensportler starteten schon zu Schulzeiten im Weltcup: eine Herausforderung für die Athleten und das Gymnasium Oberstdorf.

Von der Schule direkt auf die Schanze – kaum jemand verkörpert diese Doppelbelastung so eindrucksvoll wie Katharina Schmid (geb. Althaus) und Johannes Rydzek. Beide stammen aus Oberstdorf, beide gehören zur
Weltelite im nordischen Wintersport. Und beide beenden nun ihre beeindruckenden Karrieren. Ein Anlass auf Medaillen und Erfolge zurückzublicken, aber auch auf ihre Wege durch das bayerische Bildungssystem, das Raum für sportliche Spitzenleistungen lässt.

Johannes Rydzek musste während seiner Schulzeit ein Leben zwischen Wettkämpfen und Unterricht meistern. Der nordische Kombinierer gehörte früh zum Nationalteam und stand bereits als Teenager bei Weltcups am Start. Johannes legte sein Abitur im doppelten Abiturjahrgang (G8 und G9) im Jahr 2011 ab – eine Herausforderung, da zwei Jahrgänge zusammengelegt wurden und die Abiturtermine ungewöhnlich früh angesetzt waren. Aufgrund seiner Teilnahme an der Nordischen Ski-WM in Oslo in diesem Jahr mussten seine Abiturprüfungen verschoben
werden. Ein Aufwand, der sich lohnte, denn er kam als Einzelweltmeister aus Oslo zurück. Häufig war der Zeitplan aus Anreisen, Wettkämpfen, Training und Prüfungsvorbereitung sehr eng getaktet und auch aufgrund der Unterstützung des Förderkreises ProSport Allgäu/Kleinwalsertal e.V. möglich.
Diese Doppelbelastung verlangte höchste Disziplin und Organisationstalent – Eigenschaften, die auch seine Karriere prägten. Insgesamt sicherte er sich 26 Weltcupsiege, sieben Weltmeistertitel und zweimal olympisches Gold.

Auch Katharina Schmid wurde früh Teil des Bundeskaders im Skispringen. Schon als Jugendliche sammelte sie Erfolge auf internationaler Bühne. Parallel dazu schlug sie einen ungewöhnlichen schulischen Weg ein: Nach dem
mittleren Schulabschluss wechselte sie an das Gertrud-von-le-Fort-Gymnasium. Das bayerische Schulsystem ist auf Durchlässigkeit ausgelegt: Jeder Abschluss eröffnet neue Wege. Nach dem Besuch der Mittelschule, Realschule oder Wirtschaftsschule kann der Übertritt an das Gymnasium oder die Fachoberschule erfolgen. Besonders in Kombination mit sportlicher Förderung – etwa über eine Eliteschule des Sports – entstehen
flexible Bildungswege, die Talente unterstützen. Schmid nutzte die Möglichkeit zur Streckung der Schulzeit, um Trainings- und Wettkampfphasen besser mit den Lernanforderungen zu vereinbaren. Die jungen Leistungssportlerinnen und -sportler absolvieren die gymnasiale Oberstufe dabei in drei, anstatt in zwei Jahren. Dies führt zu einer Reduzierung der Wochenstundenzahl und ermöglicht unterrichtsfreie Tage. Katharina Schmid schloss ihre Schullaufbahn am Gymnasium Oberstdorf mit dem Abitur 2017 ab, als sie bereits im Weltcup etabliert war. Es folgten 22 Weltcupsiege und sieben Weltmeistertitel.

Schmid und Rydzek haben gezeigt, dass Disziplin, Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit nicht nur Medaillen bringen, sondern auch Bildungswege öffnen. Der damalige Sportkoordinator Peter Fink, die Schulleiterinnen
Sonja Keiper und Michaela Püls sowie das Kollegium des Gertrud-von-le-Fort-Gymnasiums würdigen beide: „Katharina und Johannes sind nicht nur sehr erfolgreiche Sportler, sondern sie haben sich zu Persönlichkeiten entwickelt, die auch neben Loipe und Schanzentisch vorbildliche Repräsentanten des Sports waren und für viele Generationen Vorbilder bleiben werden. Es war uns eine Ehre, sie auf einem kurzen Abschnitt begleiten zu dürfen.“

Text: Allgäuer Zeitung
Bild: Dominik Berchtold